Föderalismus in der Schweiz einfach erklärt
Der Schweizer Föderalismus ist weit mehr als nur eine Staatsform – er ist das Fundament einer jahrhundertealten Demokratietradition und prägt das politische Leben der Schweiz bis heute. Während andere Länder zentralisierte Strukturen entwickelten, hat die Schweiz einen einzigartigen Weg eingeschlagen, der die regionale Vielfalt wahrt und gleichzeitig nationale Kohäsion ermöglicht. In diesem Artikel erklären wir Ihnen umfassend, was den Schweizer Föderalismus ausmacht, wie er historisch gewachsen ist und warum er auch in Zukunft von zentraler Bedeutung sein wird.
Was ist Föderalismus?
Bevor wir uns dem Schweizer Modell widmen, lohnt sich ein Blick auf den Begriff selbst. Föderalismus leitet sich vom lateinischen Wort „foedus” ab, das so viel wie Bund oder Vertrag bedeutet. Im Kern beschreibt Föderalismus ein Staatsprinzip, bei dem die Macht zwischen einer Zentralregierung und verschiedenen Gliedstaaten aufgeteilt wird. Anders als in einem Einheitsstaat behalten die Gliedstaaten in einem föderalen System einen erheblichen Grad an Eigenständigkeit.
Die Schweiz gilt als eines der klassischen Beispiele eines funktionierenden Föderalismus. Das politische System basiert auf drei Ebenen: dem Bund, den 26 Kantonen und über 2.000 Gemeinden. Jede dieser Ebenen verfügt über eigene Kompetenzen und Verantwortlichkeiten, die in der Bundesverfassung festgelegt sind. Diese Aufteilung ermöglicht es, dass Entscheidungen möglichst nahe bei den Bürgerinnen und Bürgern getroffen werden können.
Die geschichtliche Entwicklung des Schweizer Föderalismus
Die Anfänge in der Alten Eidgenossenschaft
Die Wurzeln des Schweizer Föderalismus reichen bis ins späte Mittelalter zurück. Im Jahr 1291 schlossen sich die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden zum „Ewigen Bund” zusammen, um ihre gemeinsamen Interessen zu wahren und sich gegen äussere Bedrohungen zu verteidigen. Diese ursprünglichen Bündnisse waren lockerer Natur – die einzelnen Orte blieben eigenständig und schlossen sich erst nach und nach zu einem loserem Staatenbund zusammen.
Im Laufe der Jahrhunderte wuchs die Zahl der beteiligten Orte auf 13 an, wobei die Alte Eidgenossenschaft bis 1798 bestand hatte. In dieser Zeit entwickelten sich bereits erste föderale Strukturen, auch wenn die Machtverhältnisse noch stark von aristokratischen Tendenzen und dem Einfluss verschiedener Kantone geprägt waren. Die dezentrale Organisation ermöglichte es den unterschiedlichen Regionen, ihre Eigenheiten zu bewahren – ein Prinzip, das bis heute nachwirkt.
Die Mediation und der Bundesvertrag
Der Einmarsch der französischen Revolutionstruppen im Jahr 1798 beendete die Alte Eidgenossenschaft zunächst. Die Helvetische Republik, die daraufhin entstand, war ein zentralisierter Einheitsstaat, der jedoch aufgrund seiner Fremdbestimmung und Zentralisierung auf erheblichen Widerstand stiess. Napoleon schuf schliesslich 1803 die Mediationsakte, die einen Kompromiss zwischen Einheitsstaat und lockerem Staatenbund darstellte.
Die Mediationsakte von 1803 war ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Schweizer Föderalismus. Sie führte die Kantone als eigenständige politische Einheiten wieder ein und gewährte ihnen erhebliche Autonomie. Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft wurde diese Struktur im Bundesvertrag von 1815 verankert, der die Schweiz als lose Konföderation von 22 Kantonen definierte. Die Kantone waren zu dieser Zeit praktisch unabhängige Staaten mit eigenen Regierungen, Parlamenten und Gesetzen.
Die Gründung des modernen Bundesstaates
Der entscheidende Wendepunkt kam 1848 mit der ersten Bundesverfassung, die die Schweiz vom lockeren Staatenbund zum modernen Bundesstaat transformierte. Nach dem gescheiterten Versuch einer Einheitsverfassung und dem darauffolgenden Sonderbundskrieg von 1847 einigten sich die Kantone auf ein föderales System, das die Vorteile der nationalen Einheit mit der Bewahrung der kantonalen Eigenständigkeit verband.
Die Verfassung von 1848 schuf zum ersten Mal eine starke Bundesregierung, ein nationales Parlament und ein Bundesgericht. Gleichzeitig behielten die Kantone ihre Eigenständigkeit in vielen Bereichen. Diese Struktur wurde in der Totalrevision von 1874 weiter ausgebaut, die zahlreiche neue Bundeskompetenzen einführte und die direkten demokratischen Rechte erweiterte. Die geltende Bundesverfassung von 1999 baut auf diesem Fundament auf und modernisierte das System für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts.
Die drei Ebenen des Schweizer Föderalismus
Der Bund
Der Bund bildet die oberste Ebene des schweizerischen Staatsaufbaus. Er ist zuständig für alle Aufgaben, die aufgrund ihrer Natur nur auf nationaler Ebene wahrgenommen werden können. Die Hauptkompetenzen des Bundes sind in der Bundesverfassung festgelegt und umfassen unter anderem die Aussenpolitik, die Verteidigung, das Zollwesen, das Währungswesen und die Eisenbahnen.
Die obersten Bundesbehörden sind die Bundesversammlung (das Parlament), der Bundesrat (die Regierung) und das Bundesgericht. Die Bundesversammlung besteht aus zwei Kammern: dem Nationalrat, der das Volk vertritt, und dem Ständerat, der die Kantone vertritt. Diese duale Struktur spiegelt den föderalen Gedanken wider – beide Kammern müssen Gesetze verabschieden, was eine ausgewogene Vertretung von Volks- und Kantonsinteressen gewährleistet.
Der Bundesrat als kollegiale Regierung führt die Geschäfte des Bundes und setzt die Beschlüsse des Parlaments um. Die sieben Bundesräte sind nicht persönliche Ressortchefs im klassischen Sinne, sondern entscheiden gemeinsam über alle wichtigen Fragen. Diese Form der Kollegialregierung ist ein weiteres typisches Merkmal des Schweizer Systems.
Die 26 Kantone
Die Kantone sind das Herzstück des Schweizer Föderalismus. Sie gelten als die ursprünglichen Staaten, die sich 1848 zum Schweizer Bund zusammenschlossen und nur bestimmte Kompetenzen an den Bund abtraten. Heute gibt es 26 Kantone, die in ihrer Gesamtheit die Schweizerische Eidgenossenschaft bilden.
Jeder Kanton verfügt über eine vollständige staatliche Struktur mit eigener Verfassung, eigenem Parlament, eigener Regierung und eigenen Gerichten. Die Kantone sind für zahlreiche wichtige Aufgaben zuständig, darunter das Schulwesen, die Gesundheitspolitik, die Polizei, das Strassenwesen und die Sozialhilfe. Diese weitreichende Autonomie ist ein konstituierendes Merkmal des Schweizer Föderalismus und unterscheidet ihn von weniger dezentralen Systemen.
Die 26 Kantone sind sehr unterschiedlich – sowohl in ihrer Grösse als auch in ihrer Wirtschaftskraft. Der grösste Kanton, Graubünden, hat eine Fläche von über 7.000 Quadratkilometern, während der kleinste, Basel-Stadt, nur etwa 37 Quadratkilometer umfasst. Bei der Bevölkerung variieren die Kantone von Appenzell Innerrhoden mit rund 16.000 Einwohnern bis zum Kanton Zürich mit über 1,5 Millionen Einwohnern. Diese Vielfalt stellt den Föderalismus vor besondere Herausforderungen, da die Interessen und Bedürfnisse der Kantone sehr unterschiedlich sind.
Die Gemeinden
Die unterste Ebene des Schweizer Staatsaufbaus bilden die Gemeinden. Mit über 2.000 Gemeinden stellt diese Ebene die direkte Verbindung zwischen Staat und Bürgerinnen sowie Bürgern dar. Die Gemeinden sind für viele alltägliche Aufgaben zuständig, die das Leben der Menschen unmittelbar betreffen.
Die Aufgaben der Gemeinden sind kantonal geregelt und können von Kanton zu Kanton unterschiedlich sein. Typische Gemeindeaufgaben umfassen die lokalen Steuern, die Baubewilligungen, das lokale Strassennetz, die Wasserversorgung, die Abfallentsorgung und die lokale Raumplanung. In vielen Kantonen sind die Gemeinden auch für den Primarschulunterricht zuständig. Die Organisation der Gemeinden ist ebenfalls kantonal geregelt – einige Gemeinden verfügen über ein Gemeindeparlament, andere werden direkt von der Gemeindeversammlung regiert.
Das Subsidiaritätsprinzip
Ein zentrales Prinzip des Schweizer Föderalismus ist das Subsidiaritätsprinzip. In Artikel 5a der Bundesverfassung verankert, bestimmt es, dass der Bund nur dann tätig wird, wenn eine Aufgabe auf kantonaler oder gemeindlicher Ebene nicht effizient wahrgenommen werden kann. Das Prinzip stellt sicher, dass Entscheidungen möglichst nahe bei den betroffenen Menschen getroffen werden.
Die Idee dahinter ist einfach: Die unterste Ebene, die eine Aufgabe wirksam erfüllen kann, soll auch dafür zuständig sein. Dies fördert nicht nur die Effizienz, sondern auch die demokratische Legitimation, da die Bürgerinnen und Bürger direkt an Entscheidungen beteiligt sind, die ihr lokales Umfeld betreffen. Ein Schulhausbau wird auf Gemeindeebene beschlossen, Änderungen im Polizeigesetz vom Kantonsparlament und ein UNO-Beitritt von allen Bürgerinnen und Bürgern der Schweiz.
Das Subsidiaritätsprinzip ist jedoch nicht starr zu verstehen. In manchen Bereichen hat der Bund durchaus zentrale Kompetenzen, etwa wenn nationale Einheit erforderlich ist oder wenn kantonale Regelungen zu erheblichen Wettbewerbsverzerrungen führen würden. Die Geschichte des Schweizer Föderalismus zeigt eine stetige Balance zwischen dezentralen und zentralen Elementen, die sich den jeweiligen gesellschaftlichen Herausforderungen anpassen.
Die Kompetenzverteilung zwischen den Ebenen
Die Zuständigkeiten des Bundes
Die Bundesverfassung enthält eine detaillierte Auflistung der Bundeskompetenzen. In vielen Bereichen ist der Bund ausschliesslich zuständig, was bedeutet, dass nur er Gesetze erlassen kann. Dazu gehören beispielsweise die Aussenpolitik, die Landesverteidigung, das Zollwesen, das Münz- und Postwesen sowie die Regelung des Eisenbahn- und Luftverkehrs.
Daneben gibt es Bereiche, in denen der Bund und die Kantone konkurrierende Kompetenzen haben. In diesen Fällen kann sowohl der Bund als auch der jeweilige Kanton gesetzgeberisch tätig werden, wobei das Bundesrecht dem kantonalen Recht vorgeht. Beispiele für konkurrierende Kompetenzen sind das Gesundheitswesen, der Umweltschutz und die Wirtschaftspolitik. Der Bund setzt in diesen Bereichen häufig Mindeststandards, die die Kantone nicht unterschreiten dürfen, die aber Spielraum für strengere kantonale Regelungen lassen.
Schliesslich gibt es Bereiche, in denen der Bund lediglich Rahmenvorschriften erlässt, die von den Kantonen auszufüllen sind. Diese Form der Kompetenzübertragung ermöglicht eine nationale Koordination, ohne die kantonale Eigenständigkeit vollständig aufzuheben. Das Raumplanungsrecht ist ein Beispiel dafür, wo der Bund Grundsätze vorgibt, deren konkrete Umsetzung aber Sache der Kantone und Gemeinden ist.
Die Residualkompetenz der Kantone
Ein wichtiger Grundsatz des Schweizer Föderalismus ist die sogenannte Residualkompetenz der Kantone. Artikel 43 der Bundesverfassung bestimmt, dass die Kantone alle Aufgaben wahrnehmen, die nicht durch die Bundesverfassung dem Bund zugewiesen sind. Das bedeutet, dass der Bund nur dort tätig werden darf, wo die Verfassung ihn ausdrücklich dazu ermächtigt.
Diese Konstruktion ist umgekehrt zu der in vielen anderen Bundesstaaten, wo die zentrale Ebene grundsätzlich zuständig ist und die Gliedstaaten nur bestimmte Bereiche behalten. In der Schweiz sind die Kantone die ursprünglichen Träger der Staatsgewalt, die einen Teil ihrer Rechte an den Bund abgetreten haben – ein Gedanke, der die historische Entwicklung des Landes widerspiegelt.
Direkte Demokratie und Föderalismus
Ein wesentliches Merkmal des Schweizer Föderalismus ist die Verbindung mit Elementen der direkten Demokratie. Diese Kombination ist einzigartig in der Welt und trägt massgeblich zur Stabilität und Akzeptanz des politischen Systems bei. Die Bürgerinnen und Bürger können nicht nur ihre Vertreter wählen, sondern auch unmittelbar über Sachfragen abstimmen.
Auf Bundesebene gibt es zwei Hauptinstrumente der direkten Demokratie: die Volksinitiative und das Referendum. Mit einer Volksinitiative können 100.000 Stimmberechtigte eine Partialrevision der Bundesverfassung verlangen. Das Referendum ermöglicht es dem Volk, über Gesetze und andere Beschlüsse abzustimmen. Dabei unterscheidet man zwischen dem fakultativen Referendum, bei dem 50.000 Stimmberechtigte oder acht Kantone eine Abstimmung verlangen können, und dem obligatorischen Referendum, das bei Verfassungsänderungen und wichtigen Vorlagen zwingend vorgeschrieben ist.
Die direkte Demokratie existiert nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in den Kantonen und Gemeinden. In manchen Kantonen können die Stimmberechtigten sogar über einzelne Gesetzesartikel abstimmen, was eine sehr detaillierte Einflussnahme auf die Politik ermöglicht. Diese mehrstufige демократische Mitwirkung verstärkt den föderalen Charakter des Systems, da die Bürgerinnen und Bürger auf verschiedenen Ebenen direkt an Entscheidungen beteiligt sind.
Die Sprachvielfalt als föderale Herausforderung
Die Schweiz ist ein viersprachiges Land mit vier offiziellen Landessprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Diese Sprachvielfalt ist nicht nur ein kulturelles Erbe, sondern auch ein wesentlicher Aspekt des föderalen Systems. Die Sprachgrenzen verlaufen weitgehend entlang der Kantonsgrenzen, was den föderalen Charakter unterstreicht.
Die deutschsprachige Schweiz umfasst den grössten Teil des Landes, während die französischsprachige Westschweiz (Romandie) und die italienischsprachige Südschweiz (Tessin) wichtige Minderheiten bilden. Das Rätoromanische wird nur von einer kleinen Minderheit im Kanton Graubünden gesprochen, geniesst aber als vierte Landessprache Verfassungsrang. Diese sprachliche Vielfalt erfordert einen ausgeprägten Respekt für Minderheiten und ist ein wichtiger Grund für die föderale Struktur des Landes.
Der Föderalismus ermöglicht es den Sprachgemeinschaften, ihre Sprache und Kultur zu pflegen. In den mehrsprachigen Kantonen – Graubünden, Bern und Freiburg – sind die Sprachrechte verfassungsrechtlich geschützt. Die Bundesbehörden sind verpflichtet, in ihrer Kommunikation alle vier Landessprachen zu verwenden. Diese Sprachenvielfalt ist auch ein Grund, warum zentralisierte Lösungen in der Schweiz oft auf Widerstand stossen – die Menschen sind es gewohnt, in ihren eigenen Sprach- und Kulturräumen zu leben und zu entscheiden.
Aktuelle Herausforderungen und Reformen
Der Nationale Finanzausgleich
Eine der wichtigsten Aufgaben des föderalen Systems ist der Ausgleich zwischen reicheren und ärmeren Kantonen. Der Nationale Finanzausgleich (NFA), der 2008 eingeführt wurde, ist ein Instrument, das die Unterschiede zwischen den Kantonen verringern soll. Durch Zahlungen des Bundes und zwischenkantonaler Umverteilung werden leistungsschwache Kantone unterstützt, während leistungsstarke Kantone einen Beitrag leisten.
Die NFA war eine der umfassendsten Reformen des Schweizer Föderalismus in den letzten Jahrzehnten. Sie versuchte, einen Ausgleich zwischen dem Ziel der fiscal equivalence – also der Verknüpfung von Steuerzahlung und Leistungsangebot – und dem Ziel des sozialen Ausgleichs zu finden. Die Reform war nicht unumstritten, da einige Kantone befürchteten, dass der Finanzausgleich ihren Anreiz zur eigenständigen Wirtschaftspolitik schwächen würde.
Die Beziehung zur Europäischen Union
Eine der grössten Herausforderungen für den Schweizer Föderalismus ist das Verhältnis zur Europäischen Union. Die Schweiz ist nicht Mitglied der EU, aber durch zahlreiche bilaterale Verträge eng mit ihr verbunden. Diese Verträge betreffen Bereiche wie den freien Personenverkehr, den Warenverkehr und den Transportverkehr.
Das Problem dabei ist, dass viele dieser Verträge eine Anpassung des Schweizer Rechts erfordern, was die Handlungsfähigkeit der Kantone einschränken kann. Die EU fordert von der Schweiz oft die Übernahme von EU-Recht, was dem Subsidiaritätsprinzip und der kantonalen Autonomie widersprechen kann. Die Balance zwischen der europäischen Integration und der Bewahrung des föderalen Systems ist eine der zentralen politischen Fragen der Schweiz.
Der Wandel des Föderalismus
Der Schweizer Föderalismus ist kein starres System, sondern unterliegt einem stetigen Wandel. Die Globalisierung, die europäische Integration und neue gesellschaftliche Herausforderungen erfordern Anpassungen. In einigen Bereichen – etwa der Klimapolitik oder der Digitalisierung – ist ein verstärktes Engagement des Bundes gefordert, was zu Lasten der kantonalen Autonomie gehen kann.
Gleichzeitig gibt es auch Bestrebungen, die Rolle der Kantone zu stärken. Die Erfahrungen während der Corona-Pandemie zeigten beispielsweise, dass kantonale Lösungen manchmal schneller und effektiver sein können als nationale Vorschriften. Der Diskurs über die Zukunft des Föderalismus ist daher ein lebendiger Teil der Schweizer Politik.
Besonderheiten des Schweizer Föderalismus im internationalen Vergleich
Im internationalen Vergleich weist der Schweizer Föderalismus einige besondere Merkmale auf, die ihn von anderen Bundesstaaten unterscheiden. Anders als in Deutschland oder den USA, wo die Gliedstaaten (Länder bzw. Bundesstaaten) eine wichtige Rolle spielen, ist in der Schweiz auch die kommunale Ebene von erheblicher Bedeutung. Der dreistufige Aufbau mit Bund, Kantonen und Gemeinden ermöglicht eine besonders differenzierte Aufgabenteilung.
Ein weiteres typisches Merkmal ist die Verbindung von Föderalismus und direkter Demokratie. In den meisten anderen Föderalstaaten ist die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger auf Wahlen beschränkt. In der Schweiz können die Menschen auf allen drei Ebenen direkt über Sachfragen abstimmen, was den föderalen Gedanken der Nähe zum Bürger noch verstärkt.
Die kollegiale Struktur der Landesregierung ist ein weiterer Unterschied zu vielen anderen Staaten. Der Bundesrat als siebenköpfige Kollegialregierung hat kein Pendant in anderen vergleichbaren Demokratien. Diese Form der Regierung fördert den Konsens und berücksichtigt die verschiedenen landespolitischen Richtungen – ein weiterer Ausdruck des föderalen Gedankens.
Warum ist der Föderalismus für die Schweiz so wichtig?
Der Föderalismus hat für die Schweiz eine identitätsstiftende Funktion. Er ermöglicht es, dass die verschiedenen Sprach- und Kulturräume des Landes ihre Eigenheiten bewahren können. Er stellt sicher, dass Entscheidungen möglichst nahe bei den Menschen getroffen werden, die davon betroffen sind. Und er bildet das Fundament für die direkte Demokratie, die ein wesentliches Merkmal des Schweizer Staatswesens ist.
Der Föderalismus war historisch auch ein Instrument zur Sicherung des Friedens. Nach dem Bürgerkrieg von 1847 wurde das föderale System bewusst als Mittel zur Versöhnung der verschiedenen politischen und konfessionellen Gruppen gewählt. Die Autonomie der Kantone sollte verhindern, dass eine Gruppe die andere dominieren konnte. Diese Funktion hat der Föderalismus bis heute bewahrt.
Zudem fördert der Föderalismus den Wettbewerb zwischen den Kantonen. Die verschiedenen Kantone können unterschiedliche Politiken ausprobieren, was zu Innovationen führt. Best Practices werden dann oft von anderen Kantonen übernommen. Dieser Wettbewerb ist ein Vorteil des föderalen Systems, der in der Schweiz traditionell geschätzt wird.
Fazit
Der Föderalismus in der Schweiz ist ein komplexes, aber faszinierendes System, das die politische Kultur des Landes seit Jahrhunderten prägt. Er verbindet die Vorteile nationaler Einheit mit der Bewahrung regionaler Vielfalt und ermöglicht eine demokratische Mitwirkung, die weltweit einzigartig ist. Die Aufteilung der Macht zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden stellt sicher, dass Entscheidungen möglichst nahe bei den Bürgerinnen und Bürgern getroffen werden.
Das Subsidiaritätsprinzip, die direkte Demokratie und die Achtung der Sprachvielfalt sind wesentliche Säulen dieses Systems. Auch wenn der Schweizer Föderalismus vor neuen Herausforderungen steht – etwa durch die europäische Integration oder den gesellschaftlichen Wandel –, bleibt er ein konstituierendes Merkmal der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Das System hat sich über die Jahrhunderte bewährt und wird auch in Zukunft die politische Entwicklung der Schweiz prägen.
Das Verständnis des Schweizer Föderalismus ist nicht nur für Schweizerinnen und Schweizer relevant, sondern auch für alle, die sich für föderale Systeme und demokratische Innovationen interessieren. Die Schweiz bietet ein Modell, das zeigt, wie regionale Vielfalt und nationale Kohäsion miteinander vereint werden können – ein Vorbild, das weltweit Beachtung findet.
—
Quellen:
– Schweizerische Eidgenossenschaft (2024). Föderalismus. Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA. https://www.eda.admin.ch/aboutswitzerland/de/home/politik-geschichte/politisches-system/foederalismus.html
– Wikipedia (2024). Föderalismus in der Schweiz. https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%B6deralismus_in_der_Schweiz
– CH Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit (2024). Struktur und Wandel des Schweizer Föderalismus. https://chstiftung.ch/themen/foederalismus/struktur-und-wandel-des-schweizer-foederalismus
– Schweizerische Bundeskanzlei (2024). Der Schweizerische Föderalismus. ch.ch. https://www.ch.ch/de/politisches-system/funktionsweise-und-organisation/foderalismus/
– Universität Freiburg (2024). Der Schweizerische Föderalismus. Institut für Föderalismus. https://www.unifr.ch/federalism/de/themen/chfoederalismus.html
– Swissinfo (2025). Der Schweizer Föderalismus: Wie er gelebt wird und woher er kommt. https://www.swissinfo.ch/ger/schweizer-demokratie/der-schweizer-f%C3%B6deralismus-wie-er-gelebt-wird-und-woher-er-kommt/89073277
– Beobachter (2025). Subsidiarität – Das Schweizer Recht erklärt. https://www.beobachter.ch/rechtslexikon/subsidiaritat
– Schweizerische Eidgenossenschaft (2024). Die politische Struktur der Schweiz. EDA. https://www.aboutswitzerland.eda.admin.ch/de/foederalismus
– Swisspolitics.org (2010). Schweizer Föderalismus. https://www.swisspolitics.org/politische-struktur/schweizer-foederalismus/
– Schweizerische Eidgenossenschaft (2024). Direkte Demokratie. EDA. https://www.eda.admin.ch/aboutswitzerland/de/home/politik-geschichte/politisches-system/direkte-demokratie.html